Überlebt

Geboren als ein Mensch der Sorte Konsument
Und voll automatisiert
Darauf trainiert, nach Nahrung zu verlangen
An einem Ort, wo fast gar nichts passiert -
Fast gar nichts passiert

Lähmende Beliebigkeit, von Konturen frei
Alles verschwimmt in einem bunten Einerlei
Wo was auch passiert keinen Unterschied macht,
Doch der Wahnsinn hinter jeder Ecke höhnisch kichert und lacht

Das Glück hat uns gewunken und die Zeit hat uns bedroht
Liebe, Hass und Depression, Teufel und Tod
“Not yet, ihr Kameraden”, damit ihr uns versteht
Wir haben Blut gespuckt, doch wir haben überlebt -
Überlebt!

Gestern und heute, die Jahre vergehen
Es gibt keine Zeit für dumme Ideen
Alles ausgeblendet, totale Apathie
Und draußen tobt das Leben in ruheloser Monotonie

Ob es wirklich wahr ist, dass man viel zu schnell vergisst?
Oder ob die Dummheit wirklich unbesiegbar ist?

 

Willkür

Es rasen die Gesetze
Auf der Autobahn der Angst
Nimm die Beine unter den Arm
Und renne, wenn du kannst
Die Paranoiasuppe kocht
Auf jedem TV-Kanal
Und selbst das letzte Grundrecht
Wird langsam auch banal

Doch wer schützt uns vor
Willkür und Schikane
Wer schützt mich vor euch
Und euren lästigen Fragen

Gendateien, DNA und Ohren an der Wand
Argusaugen wachen überall in diesem Land
Und jeder ist hier verdächtig
An jedem Ort, zu jeder Zeit
Zum Schutze der Nation
Eingesperrt in Sicherheit

Der Mensch ist tot und es regieren
Die Gesetze der Natur
Der freie Westen ist im Wettlauf
Um die perfekte Diktatur
Und eure ganze Sicherheit
Bedroht mich sehr viel mehr
Als irgendwelcher Wahnsinn
Von was-weiß-ich-woher

 

Größenwahn

Sie kamen lautlos, doch nicht über Nacht
Schaffen Fakten ohne viele Worte
Sie patrouillieren in den Korridoren der Macht
Und kein Gericht ahndet ihre Morde


Und sie ziehen im Größenwahn
Über die Erde wie ein Heuschreckenschwarm
Die Legionen des Profits
Die Legionen des Profits


Ein Labyrinth vernetzt und gleichgeschaltet
Graue Energie dringt immer weiter
Virtuell gelenkt, menschenverachtend
Abgeschirmt durch Selbstverständlichkeiten

Ohnmacht betäubt die Ignorierten
Um die eigene Würde längst bestohlen
Und jeder glaubt, er ist im Zorn alleine
Doch irgendwas geschieht dort an den Rändern


Krieg

Oh, liebe Brüder, liebe Schwestern
Was ist wohl gut und was ist schlecht
Gebt mir mehr Zahlen, Daten, Fakten
Da ist euch jedes Mittel recht
Ich kann die Grenzen kaum erkennen
Wo ist der Feind und wo bin ich
Ich will doch überall dabei sein
Doch mich bewegen will ich nicht

Manchmal möcht´ ich blinder sein
Als ich es eh schon bin
Dann müsst´ich den
Ganzen Schwachsinn nie mehr sehn
Television overkill,
Den Kanal so lang schon voll
Ohne all das würd´s mir
Sehr viel besser gehn

Die Botschaft macht sich auf die Reise
Krallt sich in jedem Muskel fest
Die Stimulanz erzeugt nur Übelkeit
Der Magen kämpft um den letzten Rest
Wer kann und will schon alles wissen
Was ist schon richtig und was falsch
Ich möchte oft darüber reden
Doch schwarzer Ruß verstopft den Hals

Manchmal möcht´ich tauber sein
Als ich es eh schon bin
Dann müsst´ich den
Ganzen Schwindel nie mehr hör´n
Radio shockwave now on air
Ohne Pause Tag und Nacht
Ohne all das würd´mich
Nichts mehr länger stör´n

Und manchmal möcht´ ich töten…

Und manchmal möcht´ ich sprachlos sein
Dann töte ich mich langsam ganz allein

Man muss an Oberflächen kratzen
Ich hab das Messer in der Hand
Doch man kann tief und tiefer bohren
Am Ende steht nur wieder eine Wand

Und manchmal möcht´ ich toter sein
Als ich das eh schon bin
Was hab ich denn bloß
Mit all dem Scheiß zu tun
Brainwash orange anti-think
Wirkt sofort und hält lang an
Lasst mich ewig und für alle Zeiten ruh´n


White House

Seid bitte so gut und hört ihnen zu
Jetzt sprechen Männer wie ich und du
Ohne sie seid ihr nichts, doch wer mit ihnen geht
Ist ein Mensch der die Zeichen der Zeit versteht
Hört her ihr Bewohner aus Sumpf und Moor
Kriecht aus den Kanälen und den Höhlen hervor
Lauscht ihren Worten, seht die Videoclips
Ihr bleichen Gesichter und Plastikchips

White house, here comes the white white house

Ihr habt heute Nacht was besonderes zu tun
Was es sein wird, das befiehlt man euch nun
Brecht raus alle Zähne aus eurem Gebiss
Schmeißt sie raus auf die Straße wie den Dreck auf den Mist
Wir werden daraus einen Palast euch bauen
Wie ein Elfenbeintempel anzuschauen
Euer Führer und Gott wird wohnen darin
Und eure zahnlosen Mäuler werden beten zu ihm


Gleichmaß

Die Säbel rasseln wieder
Und der Ruf zum Kampf erschallt
Hasstiraden, imperiale Orgie der Gewalt
Ist es nicht erstaunlich, wie sich Parallelen ziehen
Gut und Böse stets die gleichen Worte herbemühen


Für ein neues Alibi die ganze Welt verdrehen
Ihr schafft für jede Lösung das passende Problem
Wer weiß, was wir vielleicht einmal in hundert Jahren erfahren
wer die Hintermänner und die wahren Täter waren

Und es wächst der Hass, den ihr sät
Berechnend, unaufhaltsam, grau und kalt
Im Gleichmaß der Zeit läuft die Spirale, die ihr dreht
Auf die nächste Stufe der Gewalt

Die Waffen, die ihr suchtet, sie waren fast komplett
In den Quittungsblöcken des Abendlandes versteckt
Das alte Spiel war nie so unverhohlen skrupellos
Die Geister, die sie riefen werden sie jetzt nicht mehr los


Macht

Entsetzen liegt über´m Land
Denn ein Malheur ist erkannt
Die Gefahr kam völlig plötzlich über Nacht
Niemand hat vorher gewarnt
Nichts gewusst, nichts geahnt
Jetzt gibt´s kein Halten mehr
Gesetze müssen her

Wem traust du noch nach der tausendsten Lüge
Glaubst du an´s Opfer einer Intrige
Und stimmt es doch, und euch war nichts bekannt
Wer hat dann die Macht hier im Land?

Nach einem großen Skandal
Tagt jetzt ein Schau-Tribunal
Denn Köpfe müssen wieder rollen für den Sieg
Raus aus dem Scheinwerferlicht
Weg mit dem falschen Gesicht
Doch nur solange bis die Gefahr vorüber scheint

Geheime Konten entdeckt
Die Herkunft bleibt anonym
Keine Rechenschaft, denn die Regierung lebt
Ich hab´ euch alle gelinkt
Und scheißegal, wie´s hier stinkt
Ich bin der Meister, bin der Geist, der stets verneint


Freunde

Die Stadt liegt ruhig und friedlich, hinter jedem Licht ein Leben
Hinter irgendeinem deins, und ich bin hier, und hier ist meins

Ich sitze hier und zähl´ die Stunden, die Minuten, die Sekunden
Doch nichts geschieht, du bist lang weg - es bleibt dabei
Der Zustand ist nicht zu erklären, will auch nicht jammern, mich beschweren
Dass du mir unbeschreiblich fehlst - wir sind halt frei

Einmal nicht richtig nachgedacht, und was gesagt ist, ist gesagt
Und nicht mit TippEx weg gemacht - Wahrheit tut weh
Die allerbeste Freundschaft riskiert, so gute Zeiten ausradiert
Die Uhr dreht sich nicht mehr zurück - sie bleibt nur stehen

Wir werden uns wieder sehen, wir werden uns gut verstehen
Und wir werden so tun, als wäre das alles nie geschehen
Wir werden uns wieder sehen, wir werden uns gut verstehen
Und wir weden uns erzählen, es würde uns jetzt besser gehen...

...doch wird es je wie früher sein?


Packeis

Ich kam aus dem Niemansland
Bin ein Drei-Viertel-Mensch
Ich spür´ meine Wunden nicht
Ich bin immun gegen mich selbst

Ich wurde leider nie
So ganz zu Ende geboren
Niemals so ganz zu Ende geboren

Ein-Stein, der im Flussbett liegt
Weiß nicht, wohin mit Wut und Wahn
Ich bin Opfer und Täter der Gewalt
Die aus dem Packeis kam

Ich wurde leider niemals
Ganz zu Ende geboren
Niemals so ganz zu Ende geboren
Nie zu Ende geboren
Nie zu Ende geboren

Ziellos, starr und ausgesetzt
Ich geb´ die Spurensuche auf
Verletzt, nass und durchgeschwitzt
Ich bin mein eigener Amoklauf


Erfahrungswerte

Sie schreien wieder mal, beklagen den Verlust der Werte
Von Anstand und Respekt, Charakter und Moral
Die Kläger sind die gleichen, die Moral als Geld verkaufen
Aus reiner Nächstenliebe Morden und Zerstören

Hin und Her und andersrum - Wie es euch gerade passt
Erzählt mir bloß nichts von Respekt
Den ihr in Wahrheit hasst

Wonach richtest du dein Leben aus
Irgendwas muss es doch sein
Woran du glaubst und du dich orientierst
Meine Moral ist die Erfahrung
Und die hat mich gelehrt
Euch auch nicht einen Schritt weit zu vertrauen

Als ich das schreib´ ist Karneval und alles rastet völlig aus
Ich bleib zuhaus´, bin der Langweiler und Idiot
Den ganzen Rest vom Jahr da ist es genau andersrum
Und es heißt “Da vorn kommt der bekloppte Chaot”

Hin und Her und andersrum - Wie es euch gerade passt
Erzählt mir bloß nichts von Charakter
Den ihr in Wahrheit hasst

Herz

Wir fahren besoffen und wir fahren ohne Licht
Wie das gut gehen konnte, das weiß ich bis heute nicht
Hin und Her auf der Autobahn
Und dann zurück, wo die Mühle steht
Für einen kurzen Moment ist alles klar
Als eine Flasche aus dem Auto fliegt.

Durch die Nacht tönt unser dummes Lachen
Und nur der Irrsinn treibt die bösen Geister aus
Heute Nacht wird abgehoben
Und ich schreie in den Mond
“Gottverdammt, jetzt komm und
Reiß mir endlich mein Herz heraus!”

Der Weg ist das Ziel an´s andere Ende der Nacht
Kein Notausgang hat uns zum Halten gebracht
Kreuz und quer durch die Innenstadt
Und noch den Bordstein abrasiert
Für einen kurzen Moment ist es totenstill
Als eine Streife vorüberfährt


Wohlstandskinder

Die Karten sind gemischt, ein neues Spiel beginnt
Volldampf zurück in die Zukunft - Risiko und Vier Gewinnt
Alles eingestiegen, Gas gegeben, man gönnt sich wieder was
Und in grenzenloser Blödheit macht das doppelt so viel Spaß

Reifen quietschen, Katzen flüchten, Igel plattgefahren

Schumi hat gesiegt, Ferrero-Fahnen wehen im Wind
Da hat die Welt wieder gesehen, wer auf ihr die Besten sind
Fußball, Ficken, Alkohol - wir holen den Pokal
Und dann verwüsten wir jedes Land unserer Urlaubswahl

Rein ins Flugzeug, ab nach Palma, Tripper mitgebracht

Es ist so geil in dieser Zeit zu sein!
Es ist so geil euch zu erleben - mittendrin statt nur dabei!
Es ist so geil - jeder wie er kann!
Wehe, wenn sie losgelassen - Wohlstandskinder on the run!

Überall nur geile Schnitten mit Knackarsch
und mit großen Augen zieht man sich die Scheiße rein
Man will ja schließlich glücklich sein
Wie die Promis mit den dicken Schlitten - einmal reich für nichts zu sein Und kauf dir dies und kauf dir das, mach dir die Hose nass!

Gegen den Wind

Wenn du für jede Scheiße, die du erlebst
Sofort immer einen Schuldigen kennst
Nur damit du nicht bemerkst
Dass du wieder mal die Kurve nicht kriegst
Und vor Selbstmitleid triefst, während um dich rum alles zerfällt
Dann pisst du gegen den Wind, du pisst gegen den Wind

Statt einem bisschen Selbstvertrauen hast du nur deinen Stolz
Wenn du “Nein” sagen willst, bist du still
Das mag ja alles seinen Grund haben, doch es ist mir zuviel
Ich bin kein Abladeplatz für euren Psychomüll

Und wenn du wieder einmal glaubst
Dass du der einzige mit Gefühlen hier bist
Wenn du die Wirklichkeit nicht siehst
Vor lauter Panik dafür jedes Maß verlierst
Mit Terror reagierst, während um dich rum alles verreckt
Dann pisst du gegen den Wind, du pisst gegen den Wind!


Wüstensohn

Ich steh´ vor einer weißen Wand und öffne eine Tür
Ein lauter Schrei hallt durch die Jahre hinter mir
Ein Rauschen im Kopf und ein Pfeifen in den Ohren
Irgendwas kommt auf mich zu, doch ich hab´ seine Spur verloren

Langsam fang´ ich an zu spüren, wie die Zeit verinnt
Wie alles um mich rum zu rasen beginnt
Mein eigenes Leben immer schneller marschiert
Und dass sowas wie Vergangenheit tatsächlich existiert

Ich verbleibe mit weiß-der-Teufel-was
Und vielleicht bis zum nächsten Mal
Es wird genauso oder anders sein
Und wenn nicht, ist es auch egal
Vergiss all die großen Worte
“Niemals” und “In alle Ewigkeit”
Und wenn auf die Nacht ein Morgen folgt
Dann wird´s langsam allerhöchste Zeit!

Ich war in der Wüste, bin ziellos rumgeirrt
Ich war an einem Ort, an dem nur das Vergessen zählt
Niemals die eigene Wahrheit geklärt
Und bin wohl bis heute nie so ganz zurück gekehrt



 

Alle Texte von Oliver Stöhr, außer “Freunde” und “Wohlstandskinder”: Rainer Schmidt,
“Krieg”: Sander N., “White House”: Frank Ziegert.